Die Gier nach Blut

Die Rede ist nicht von tiefschwarzen Fledermäusen, die Tieren auflauern, sich auf sie stürzen und deren Haut mit ihren Zähnen aufritzen, nur um das auslaufende Blut zu trinken. Es handelt sich hierbei auch nicht um Vampire: Wesen, die nachts als lebendige Leichname kalkweiß aus ihren Särgen steigen – auf der Suche nach Lebenden, um ihren Blutdurst zu stillen.
Hier geht es um die Gier von lebendigen Menschen nach Blut. Sie trinken es zwar nicht, aber sie brauchen es. Es macht sie reich. Und es macht sie blind – die Gier nach Geld, nach Profit, ihre eigene Habsucht. Deren Opfer: Kühe, Kälberföten, Pferde, Fohlen und Mensch.

Profit auf Kosten ungeborener Kälber

Half muzzleof calf close-up. Black and white portrait

Anfang August 2015 kamen die obskuren Geschäfte mit dem roten Lebenssaft an die Öffentlichkeit: dem Blut von Kälberföten, aus dem ein wichtiges Serum namens FKS gewonnen wird. Für Medizin und Forschung ist FKS notwendig, um Impfstoffe herzustellen. Es dient als Nährlösung, um Zellkulturen am Leben zu erhalten. Diejenigen, die nicht am Leben bleiben oder genauer gesagt, gar nicht erst auf die Welt kommen dürfen, sind die Kälber. Für die Fleischindustrie ist das ungeborene Kalb das „Schlachtnebenprodukt“ (1). Für Serumhändler ein Profit bringendes Geschäft.
Nach der Tötung trächtiger Kühe auf den Schlachthöfen folgt die sofortige Entnahme der Gebärmutter mit dem Kälberfötus. Der Fötus ist das noch lebende Kalb. Dieses bekommt „eine dicke Nadel zwischen die Rippen durch Haut und Muskeln direkt in das schlagende Herz gestoßen.“ (2) Manch einer unter uns wird schon beim Impfen oder der Blutabnahme mit einer dünnen Nadel kreidebleich. Andere leiden unter Angstzuständen, wenn sie nur den Namen „Spritze“ hören. Aber diese Kälber bekommen es gleich auf die harte Tour: eine dicke Nadel bis zum Herz und alles ohne Betäubung. Das lebende Tier wird über einen Plastikschlauch quasi unter immensen Qualen blutleer gesaugt – bis es stirbt.
Beim Lesen wurde mir schlecht.
Ungefähr ein halber Liter kann aus jedem Kälberfötus „gewonnen“ und zu hohen Preisen verkauft werden. (3) Zur Freude der Unternehmen, die mit diesem Blut handeln. Und zum Wohlgefallen der Pharmafirmen und Labore, die dieses Serum benötigen – auch um angeblich moderne Medikamente für unterschiedliche Krankheiten zu entwickeln.
Wo Gier herrscht, lässt Manipulation nicht lange auf sich warten: Herkunftsangaben werden laut der Süddeutschen Zeitung gefälscht und Seren untereinander vermischt. Dies führt zu Verunreinigungen, sodass Tierseuchenerreger oder Krankheiten weiter transportiert werden können. (4)
Der Witz an der ganzen Sache ist: Es gibt bereits Alternativen zu diesem ganzen Elend. Ärzte gegen Tierversuche veröffentlichten auf ihrer Seite eine Liste der britischen Organisation Focus on Alternatives. (5) Darunter sind viele Nährflüssigkeiten ohne tierische Bestandteile, also ohne Kälberleid. (6) Viele Firmen bieten diese Zellkulturmedien heutzutage an.

Her mit dem Pferdeblut

PferdeaugeEinige Wochen später wurde mir ein zweites Mal schlecht. In Argentinien und Uruguay werden trächtige Pferde malträtiert. Auch ihr Blut ist wertvoll für die Pharmaindustrie. Und für die Fleischindustrie: Das in dem Blutserum enthaltene Hormon PMSG bietet die Möglichkeit, die Ferkelzucht zu beschleunigen und somit zu erhöhen. Die Muttertiere sollen demnach noch mehr produzieren. Wozu eigentlich? Werden nicht schon bis zu 20 % der neugeborenen Ferkel getötet, weil sie zu schwach sind und die Mutter nicht genügend Zitzen hat, um alle diese ausreichend zu ernähren? Ein „Überschuss“ besteht bereits!
Und trotzdem: Hunderte Stuten stehen auf „Blutfarmen“ (7) und bekommen regelmäßig Blut abgezapft. Auch hier soll alles im Verborgenen geschehen. Doch die Tierschutzorganisation „Animal Welfare Foundation“ hat dies bei ihren Recherchen zu Pferdefleisch entdeckt: Arbeiter zwingen die Stuten in Treibgänge und schlagen dabei mit Knüppeln, Peitschen oder Elektrotreiber auf sie ein. Am Ende der Treibgänge befinden sich die Fixierboxen. So wie alle anderen „Nutztiere“, haben diese Pferde Angst und versuchen zu fliehen oder sich zu wehren. Die Folge sind weitere Schläge, die teilweise fast zur Bewusstlosigkeit der Pferde führen. Die Blutabnahme folgt anschließend. Rücksichtslos setzen Arbeiter ihnen eine Aderlasskanüle. Laut der „Animal Welfare Foundation“ sind „nach 10 Minuten […] rund 10 Liter Blut entnommen, ein Viertel der gesamten Blutmenge dieser zierlichen Pferde.“ (8) Die Tierschutzorganisation hat sogar beobachtet:

Einer Stute, die nach der Blutentnahme völlig benommen zwischen zwei Fixierboxen in einen Gang torkelt und ihren Kopf erschöpft auf einem Balken ablegt, wird so lange auf den Kopf getreten, bis sie zusammenbricht und liegen bleibt. Sie stirbt und mit ihr das Fohlen.“ (9)

Das Fohlen ist hierbei wie der Kälberfötus ein Nebenprodukt. Oder sollte ich besser sagen, der Ausschuss der Tierindustrie? Die Körper der Stuten weisen von der Blutentnahme währenddessen Hämatome, Vernarbungen und Verwundungen auf. Völlig abgemagert und anämisch werden sie jedoch weiterhin geschwängert, bis sie nicht mehr können. Dann ergeht es ihnen wie allen anderen ausgeschröpften Muttertieren in der Fleischindustrie. Sie kommen zu „EU-zertifizierten Schlachthöfen“ (9) und werden getötet.

Kommen wir zu dem Begriff „Vampir“ zurück. Einschlägige Lexika schlagen mir dazu Synonyme wie Blutsauger, Egoist, Nimmersatt, Aasgeier, Ausbeuter und Profitmacher vor. Irgendwie passend.

Und mir wird wieder schlecht.
All diesen Tieren GEHT es schlecht!

Quellen:
(1) (3) http://www.tagesschau.de/inland/kaelberserum-101.html
(2) http://www.aerzte-gegen-tierversuche.de/de/infos/tierversuchsfreie-forschung/1730
(4) http://www.sueddeutsche.de/wissen/pharmaindustrie-das-schmutzige-geschaeft-mit-dem-blut-ungeborener-kaelber-1.2602820
(5) http://www.aerzte-gegen-tierversuche.de/de/presse/pressearchiv/426-pressearchiv-2009.html?start=35
(6) http://www.drhadwentrust.org/DHT%20-%20FCS%20Free%20Table.pdf
(7) (8) (9) http://animal-welfare-foundation.org/fileadmin/DATEIEN/awf/Bericht-Hefte/Tierschutzbund_Bericht_9-2015_Web.pdf

Fotos:
1- © Angelika Bentin – Fotolia.com
2- © korionov – Fotolia.com

Merken

Merken

Vom Leben als Produkt: Brathähnchen und Co

Zahlreiche Verpackungen im Supermarkt zeigen Hühner auf grünen Wiesen unter blauem Himmel oder scharrend auf sonnigen Boden. Manchmal ist auch ein stolzer Hahn unter den Hühnern zu sehen. Jedes Huhn scheint schöner und glücklicher zu sein als das andere.
Keine grüne Wiesen, kein Platz zum Scharren, kein blauer Himmel und keine Sonne zeigen Undercoverrecherchen von Tierrechtsorganisationen.

 Nichts als Fleischmaschinen

Chicken Farm, Poultry„Masthühner“ sollen Brustfleisch produzieren, so viel wie möglich. Geschlechter spielen hierbei keine Rolle, als Lebewesen interessieren sie nicht und ihr Leben schon gar nicht. Schon gleich nach ihrem Schlüpfen in einer Brüterei, bekommen es die Küken zu spüren: Sie werden geimpft, auf ein Förderband geworfen, um am Ende in einen Pappkarton zu plumpsen. Verpackt für den Transport werden sie zu Mastanlagen gefahren und „eingestallt“.
Im Maststall landen jeweils etwa 300 Küken in einem „Kükenring“. Anstelle ihrer Wärme spendenden Mutter erwartet sie hier eine Wärmelampe. Der klägliche Ersatz für die ersten Tage ihres Lebens.
Hat jedes Küken zu Beginn der Mast noch etwas Raum für sich, überwiegt bald der Platzmangel.
Zusammengepfercht vegetieren sie vor sich hin, ohne die geringste Möglichkeit, ihr natürliches Verhalten auszuleben. Bis zu 100.000 Vögel müssen bis zu ihrem Abtransport so ausharren, zum Schluss müssen über zwanzig Tiere auf einem Quadratmeter Fläche ausharren. (1) Da Hühner in einer Gruppe von mehr als 50 Tieren keine beständige Rangordnung mehr aufbauen können, sind die Tiere völlig gestresst. Ein Huhn pickt nach dem anderen, schwächere Tiere fliehen vor den stärkeren, die Stimmung ist aggressiv.

Um des Fleisches willen rauben wir ihnen die Sonne, das Licht und die Lebensdauer, die ihnen von Geburt an zustehen.“ (2)

Wachstum fördern

In der Tierindustrie sind Tiere Fleischmaschinen. Als „Produktionseinheiten“ tragen manche Arten Namen, hinter dem sich kein Lebewesen mehr vermuten lässt: Cobb 500 beispielsweise. Diese Hühner sollen besonders schnell wachsen. (3) Um ein schnelles Wachstum zu fördern, erhalten „Masthühner“ industriell hergestelltes und genmanipuliertes Futter. Hinzu kommen wachstumsfördernde Medikamente, die neben schneller Entwicklung auch Krankheiten, aufgrund von Platzmangel, verhindern sollen.

Statt ein natürliches Alter von bis zu zehn Jahren zu erreichen, müssen die Hühner hier im Kindesalter von höchstens sechs Wochen ihr Leben lassen. Die Sozialpsychologin Melanie Joy errechnete, dass nach der Wachstumsgeschwindigkeit dieser geschundenen Hühner, ein Mensch vergleichsweise im Alter von zwei Jahren schon 158 Kilogramm wiegen müsse. (4) Die Konsequenzen des schnellen Wachstums sind körperliche Deformierungen. Das unnatürlich schwere Brustgewicht können die dünnen Hühnerbeine nicht länger tragen: Sehnen reißen, die Beine verbiegen sich schmerzhaft oder brechen. Viele der Hühner müssen ein Großteil ihres kurzen Lebens liegend verbringen, die Brust ist zu schwer geworden. Fliegen und Flattern sind kaum noch möglich. Selbst die Tränken und Futterautomaten erreichen sie nur noch schleppend. Sie liegen in mit ihren eigenen Exkrementen verschmutzen Streu, dadurch bilden sich Ekzeme an ihren malträtierten Körpern. Ammoniak, das sich im Urin und Kot bildet, verpestet die Luft und verursacht Augenbrennen sowie Atemwegserkrankungen. Hinzu kommen, wie bei anderen Tieren in der Masthaltung, Arthritis, Herzkreislauferkrankungen und plötzlicher Herztod. Einige Hühner sind so krank und verletzt, dass sie nicht mehr aufstehen können. Diese „festliegenden“ Tiere fallen auch unter den Begriff „Falltiere“. Sie sind für die Geflügelhalter nicht weiter schlimm: Eine Sterberate von über fünf Prozent ist schließlich mit einkalkuliert. Diese Tiere werden auf einen Haufen mit weiteren Leichen geworfen oder notgeschlachtet.

Zusammengekehrt und abtransportiert

Für die bis dato Überlebenden beginnt die Reise zum Schlachthof. Greiferkolonnen, oft Niedriglohnarbeiter, kommen in die Anlagen. Sie beginnen, die schreienden Tiere einzusammeln. Kopfüber hängen die Vögel zu mehreren an ihren Händen, bis die Arbeiter sie in die Transportkisten regelrecht hineinstopfen. So ein Aktivist aus einer Undercoverrecherche:

Fast alle Hühner reagierten vom ersten Moment an mit Schreien und heftigen körperlichen Bewegungen, als sie von den Arbeitern gepackt wurden […]
Ich habe gesehen, wie ein Mitarbeiter ein Huhn vom Bodenventilator gekickt hat und dass regelmäßig Hühner quer durch den Raum geworfen werden. […]“ (5)

Oder es kommen die sogenannten „Hühnerstaubsauger“ zum Einsatz. Fangmaschinen, welche die Hühner nacheinander einsaugen, über ein Fließband abtransportieren und in Kisten schleudern. (6) Solche Maschinen können 24 000 Hühner in drei 1/2 Stunden einfangen. (7) Zeit ist Geld.
Egal sind die markerschütternden Schreie und die ausgerenkten, gebrochenen Flügel, Beine oder Hüften der brutalst eingesammelten Tiere. Nicht zu vergessen die verursachten inneren Blutungen.

Nach einem stressigen und qualvollen Transport erreichen die Vögel die Schlachthöfe. Hier sterben im Durchschnitt 8400 Tiere pro Stunde für Fleisch, mehr als bei anderen Tieren: Sie hängen kopfüber an ihren Füßen und werden zur Betäubung durch ein Strombad gezogen(8), bevor eine Köpfungsmaschine ihnen den Kopf abtrennt. Da dies alles maschinell vonstattengeht, kann es zu Fehlern kommen, indem beispielsweise eines der Lebewesen den Kopf anhebt. Dann kommen die „Nachschneider“, verharmlosend auch „Nachbesserer“ genannt, zum Einsatz: Arbeiter, die den überlebenden Tieren den Kopf abtrennen. (9) Es folgt das Brühbad und die Entfederungsanlage, dann werden sie in Einzelteile zerlegt. Als ehemalige Lebewesen nach einem abscheulichen Leben hinter Mauern, einem leidvollen Transport und höllischem Tod, landen ihre Einzelteile als Hühnerbrustfilets, Hähnchenschlegeln oder Nuggets in einer Packung. Obendrauf wieder der Aufkleber von einem glücklichen Huhn auf einer grünen Wiese unter blauem Himmel.

Close up of young chicken in barn below light bulb

Wenn Privatpersonen ihre Hunde oder Katzen so hielten, würden wir von der Tierquälerei sprechen. Und wer Tierquälerei nicht unterstützen und nicht von ihr profitieren will, sollte die entsprechenden Produkte nicht konsumieren. (10)

Quellen:
(1) masthuehnerleben.html#f1
(2) Plutarch, griechischer Schriftsteller
(3) Hal Herzog, Wir streicheln und wir essen sie- Unser paradoxes Verhältnis zu Tieren, Carl Hanser Verlag, München 2012
(4) Melanie Joy, Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen. Karnismus – eine Einführung, compassion media, Münster 2013
(5) Melanie Joy, Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen. Karnismus – eine Einführung
(6) plukon-so-leiden-huehner-tagtaeglich-in-deutschen-mastanlagen
(7) Hal Herzog, Wir streicheln und wir essen sie- Unser paradoxes Verhältnis zu Tieren
(8) masthuehnerleben.html#f1
(9) bundesrecht/tierschlv_2013/gesamt.pdf
(10)Hilal Sezgin, Artgerecht ist nur die Freiheit. Eine Ethik für Tiere oder Warum wir umdenken müssen. Verlag C.H.Beck oHG, München 2014

Fotos:

1- © branex – Fotolia.com

2- © Budimir Jevtic – Fotolia.com

Merken

Kein Schwein gehabt

Jedes Jahr werden alleine in Deutschland fast 60 Millionen von ihnen getötet, um auf dem Teller zu landen. Geboren um zu leiden – weil sie als essbar deklariert wurden. Für sie ist es die Hölle auf Erden, in der alles wie am Fließband läuft.

Lebendige Geburtsmaschinen sitzen oder liegen benommen und eingezwängt in Kastenständen oder Abferkelgittern, auch „eiserne Jungfrauen“ genannt. Fast ihr ganzes Leben verbringen sie trächtig – Intensivzucht eben. In Besamungsständen, im englischen oft „rape jack“, „Vergewaltigungsgestelle“, genannt, besamen Menschen sie künstlich.

Zukünftige Produkte, die vorher noch produzieren sollen, am besten mehr als die Natur vorsah. AbferkelboxSo bringen sie in den Abferkelbuchten über sechs oder sieben Ferkel auf die Welt, mehr als sie Zitzen haben. Also trennen die Züchter die Ferkel nach etwa drei Wochen von ihren Müttern- nur zum Schutz der Ferkel. Auf der Suche nach mütterlicher Wärme könnten sie sich durch das Gitter ihrer bewegungsunfähigen Mutter nähern und von ihr erdrückt werden. Sind diese „Zuchtsauen“ nach jahrelangem Missbrauch nicht mehr fortpflanzungsfähig, nicht mehr produktiv, folgen der traumatische Transport und die Tötung. Sie haben ausgedient.

Wie jede Mutter leiden auch diese unter der ständigen Wegnahme ihrer Kinder. Und für Letztere, unschuldig und unwissend geboren, beginnt der Albtraum erst. Nach dem Verlust ihrer Mutter packen Menschen sie hoch, schneiden ihnen die Schwänze und schleifen ihnen die Zähne ab – ohne Betäubung, die wäre zu teuer. Aber zu ihrem Besten, sonst verletzen sie sich durch die aufkommenden Verhaltensstörungen. Auch die Hoden schneiden menschliche Arbeiter zur Vorsorge heraus – ohne Narkose, zu kostspielig. Die Kastration ist jedoch laut den Züchtern wichtig: Der hormonell bedingte Geruch eines Ebers darf den Geschmack des Fleisches nicht beeinflussen. Die kleinen Ferkel erfahren statt Mutterliebe den puren Schmerz und brüllen diesen in eine Welt hinaus, in der sie niemand hört.

Zu kleine oder kranke Ferkel sind unrentabel. Arbeiter schlagen sie mit dem Kopf auf dem Boden oder gegen Buchtenwände. Ein-, zwei-, dreimal – Hauptsache endlich tot. Manche überleben trotzdem und landen zappelnd in den Müllcontainern. Das Totschlagargument: Es ist billiger.

Die Überlebenden

Sie müssen in Mastfabriken nach etwa sechs Monaten das Schlachtgewicht von 110 Kilo erreichen. Während dieser sechs Monate verweilen sie in halbdunklen bis dunklen Ställen oder Gebäuden. Breifutterautomaten und Abfütterungsanlagen sorgen dafür, dass sie genügend essen. Manche Ferkel bekommen nicht ganz erlaubte Futtermittel oder gar Schlachtreste ihrer Artgenossen. Sie leben und schlafen auf kalten Beton- oder Spaltenböden. Mit Medikamenten betäubt vegetieren sie in ihren eigenen Fäkalien und Urin vor sich hin. Haben sie Glück im Unglück, können sie drei Meter vor- und zurückgehen. Nur mit einem Gewicht von über 110 Kilo darf ein Schwein in der konventionellen Haltung ein Quadratmeter für sich beanspruchen. Lebensfreude ist hier zu teuer, Bewegung nicht rentabel. Zunehmen sollen sie, bis sie unfähig sind, ihr eigenes Gewicht zu tragen. Das Resultat: Kreislaufschwäche, Salmonellen-Infektionen, Gastroenteritis, Unfruchtbarkeit als Folge der Virusinfektion PPV. Laut einer tierärztlichen Studie leiden neun von zehn Schweinen an Entzündungen der Beingelenke. (1) Dazu kommen Beulen, Ersatzschleimbeutel, an den Beinen und verletzte Fußballen. Und Lungenkrankheiten, aufgrund der giftigen Ausscheidungsgase in unbelüfteten und überfüllten Räumen.

MasthaltungDurch die Gefangenschaft entwickeln Schweine Verhaltensstörungen. Zudem werden ihre sozialen Gruppen neu zusammengestellt – einige kommen, andere werden abtransportiert. Die Folgen sind Frustration, Rangkämpfe und Verletzungen. Da auch sie stressanfällig sind, sind viele körperlich und seelisch stark beeinträchtigt. Ihre Körpertemperatur ist erhöht, sie beginnen zu zittern. Dieses Schweine-Stress-Syndrom führt bis zum Tod.(2) Wann dieser eintrifft, hängt davon ab, wie viel das jeweilige Schwein aushalten kann. Fünf Prozent der Schweine überleben diese Gefangenschaft nicht.

Die Reise in den Tod

Nach Erreichen des Schlachtgewichts folgt der Transport der noch mehr schlecht als recht lebenden „Ware“. Dies ist der Zeitpunkt, wo sie zum ersten und zum letzten Mal Tageslicht sehen. Arbeiter treiben die Tiere, darunter kranke, nicht transportfähige Ferkel, mit Elektroschockern oder Kunststoffpaddeln auf die Transporter. Teilweise werden sie aufgrund von Platzmangel zusammengequetscht oder aufeinandergestapelt abtransportiert. Der Transport kann über 28 Stunden anhalten. Nahrung oder Wasser erhalten die Schweine selten. Auch vor heißen oder eiskalten Temperaturen sind sie nicht geschützt. So sterben die Nächsten auf dem Weg zum Schlachthof.

Transport
Die Tötungsfabriken liegen meist außerhalb der Stadt. Dieses Debakel soll nicht jeder mitbekommen, genauso wenig wie den Leichengeruch nach dem Schlachtvorgang. Schweinen bleibt auch dies nicht verwehrt. Sie müssen den Geruch von Angst und Blut ertragen. Sie nehmen die Angst- und Schmerzensschreie ihrer Artgenossen wahr. Sie sind sich darüber bewusst, was hier passiert. So berichtet ein Schlachter:
„Man kann es ihnen in ihren Augen sehen, sie wissen, was mit ihnen geschieht.“ (3)
Arbeiter treiben die Schweine in einen engen Gang, auch Rutsche genannt. Diese führt in den Betäubungs- und Schlachtbereich. Nacheinander laufen sie in den Tod. Die hinteren hören dabei das Geschrei der im Tötungsbereich Angekommenen.
Ein Schlachthofarbeiter berichtet: „Wenn die Schweine Blut riechen, wollen sie nicht weiter. Ich habe gesehen, wie Schweine geschlagen, gepeitscht, gegen den Kopf getreten worden sind, um sie in die Betäubungsanlage zu kriegen. An einem Abend habe ich gesehen, wie ein Treiber so wütend auf ein Schwein wurde, dass er ihm mit einem Brettstück den Rücken gebrochen hat. […]“ (4)

Neben den Stromschlägen gibt es auch die Vergasung als weitere Betäubungsvariante. Hierbei führen Arbeiter die Schweine in kleineren Gruppen in Gondeln. Diese gleiten hinunter in den Betäubungsbereich. 140 bis 150 Sekunden müssen die Tiere im Gas verharren. Fünfzehn Sekunden lang kämpfen sie mit Atemnot und der Panik zu ersticken. Dann erst sind sie bewusstlos. Die Gondel fährt hoch und das einzelne Schwein fällt in ein Auffangbecken. Dann erfolgt die Befestigung der Hinterbeine an Haken. (5)

SchlachtungDas Abstechen beginnt: Ein Schlachter durchsticht die Halsschlagader des Schweins mit einem Messer, ein anderer zieht es heraus. Da viele Schlachthofmitarbeiter mangelhaft geschult sind, kommt es vor, dass Schweine durch fehlerhafte Betäubung diese Station noch bei vollem Bewusstsein erreichen. Dabei winden sie sich an den Haken oder Ketten. Ein Schlachter hat durchschnittlich höchstens fünf Sekunden Zeit pro Tier – Zeit ist Geld! Reicht diese Zeit nicht aus, sind diese Schweine bei dem anschließenden Vorgang der Haarentfernung auch noch bei Bewusstsein. Laut dem Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel werden hierbei jährlich etwa 500 000 Schweine lebend in den Brühtank getaucht. (6) Sie ertrinken unter großen Qualen.

Um dem Ganzen die Krönung aufzusetzen, werden an Fleischtheken und in der Werbung für Fleisch- und Wurstwaren Schweine lächelnd dargestellt. Als hätte ihnen allen die ganze bestialische Prozedur auch noch Spaß gemacht.
Die Autorin Juliet Gellatley erzählt von der Begegnung mit einem Schwein in einem Mastbetrieb: „Als ich mit ihm auf gleicher Höhe war, hob er den Kopf und schleppte sich auf lahmen Beinen langsam in meine Richtung. Bedächtig richtete er den Blick direkt auf mich, starrte mir in die Augen. Mir war, als sähe ich in diesen traurigen, intelligenten Augen eine dringende Bitte, eine Frage, auf die ich keine Antwort wusste:>Warum tut ihr mir das an?<„(7)

Für ein Stück Schnitzel? Für eine Wurst? Weil es eben, so ist?

Quellen:

(1) http://www.sueddeutsche.de
(2) Jeffrey M. Masson, Wovon Schafe träumen. Das Seelenleben der Tiere, Wilhelm Heyne Verlag, München 2006  
(3) Jeffrey M. Masson, Wovon Schafe träumen.
(4) Melanie Joy, Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen. Karnismus – eine Einführung, compassion media, Münster 2013
(5) http://www.deutschlandradiokultur.de
(6) Melanie Joy, Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen.
(7) Jeffrey M. Masson, Wovon Schafe träumen.

Fotos: © Dirk Gießelmann, soylent network.com